Mit historischen Daten zeigte Shiller, dass Anleger, die während Phasen mit
hohen Bewertungen in Aktien einsteigen, eine weit unterdurchschnittliche
Kursperformance über die nächsten Jahre erwarten müssen. Der Zusammen-
bruch der Technologieblase nur einige Monate später gab ihm recht. Er
wurde zum gefeierten Warner vor Vermögenspreisblasen, nun wurde ihm
der Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften zugesprochen.
Das langfristige Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), berechnet als Verhältnis
des aktuellen Kurses zum zehnjährigen, inflationsbereinigten Durchschnitt
der Unternehmensgewinne, wird heute als Shiller Price-Earnings Ratio
(Shiller P/E) bezeichnet. Im langfristigen Durchschnitt liegt dieses Verhältnis
in den USA bei rund 16. Die Value-Investoren Benjamin Graham und David
Dodd rieten schon in den Dreissigerjahren, ein Unterschreiten dieser Marke
zum Einstieg in den Aktienmarkt zu nutzen. Während der Technologieblase
lag die Shiller P/E des US-Marktes über 40, was in etwa auf dem heutigen
Niveau liegt.
Wie aussagekräftig das langfristige Kurs-Gewinn-Verhältnis ist, ist aber umstritten. So muss man das Zinsniveau in die Analyse einbeziehen: Je tiefer die Renditen auf Anleihen sind, desto interessanter ist eine Investition in Aktien. Anleger akzeptieren bei niedrigen Zinsen geringere Dividendenrenditen und höhere Bewertungen. Steigen die Zinsen vom jetzigen Niveau nicht weiter, könnten also die Bewertungen hoch bleiben. Dann sind Aktien nicht zu teuer, sondern nur den geringen Renditen auf andere Anlageklassen angemessen.
Die Nutzung der langfristigen Gewinndurchschnitte ist umstritten. Jeremy Siegel von der Universität Pennsylvania argumentiert, dass aussergewöhnlich grosse Abschreiber während der Finanzkrise das historische Gewinnniveau zu niedrig erscheinen lassen. Dadurch werde die Shiller P/E zu hoch ausgewiesen. Doch schon während der Technologieblase wurden viele Erklärungen vorgebracht, warum die Bewertungen nicht zu hoch seien. Als Anleger muss man sich bewusst sein: Wer sich nach dem langfristigen KGV richtet, der wird gerade bei grossem Optimismus an den Börsen gegen den Strom schwimmen.

